Lehrveranstaltungen
Wir bieten in unregelmäßigen Abständen Bachelor- und Masterseminare zum Queer Reading in den Studiengängen Deutsche Literatur und Gender Studies an der Humboldt-Universität an. Weitere Informationen finden Sie im aktuellen Vorlesungsverzeichnis der HU Berlin. Die Anmeldung zu den Lehrveranstaltungen erfolgt für Studierende über den Dienst AGNES.
Sommersemester 2026
Bachelor
Mittwoch, 12-14 Uhr | DOR 24, Raum 1.103 | 2 SWS, 3 LP | Beatrice Trînca
Im 12. Jahrhundert finden gleich zwei Paradigmenwechsel statt, die die Literaturgeschichte der Vormoderne prägen: (1) In Anlehnung an das alttestamentliche „Hohelied“ wird in der Mystik (etwa im „St. Trudperter Hohelied“ oder bei Mechthild von Magdeburg) die Beziehung der Seele zu Gott erotisch aufgefasst. Allerdings gilt es, sich stets von einem irdischen Verständnis dieser Liebe zu distanzieren. (2) In der höfischen Epik verschiebt sich, nicht ohne Spannungen, der Fokus von den Freundschaften zwischen Männern hin zu Liebesverbindungen zwischen Mann und Frau. Dies verdeutlichen zum Beispiel Veldekes „Eneasroman“ oder Gottfrieds „Tristan und Isolde“. Auch innerhalb der jeweiligen Beziehungsmodelle streitet man weiter um gesellschaftlich Zulässiges oder aber um die Intensität der Hingabe.
Im Seminar rekonstruieren wir implizite Differenzen und diskutieren explizite Kontroversen, die uns in kulturwissenschaftlicher Perspektive sowie mit Blick auf den literaturhistorischen Ort der jeweiligen Texte interessieren.
Arbeitsleistung: Die Bestätigung Ihrer Teilnahme setzt die Abgabe eines zweiseitigen Protokolls zu einer Sitzung Ihrer Wahl voraus. Mögliche Arbeitsleistungen sind entweder ein Forschungsbericht oder Essay (im Umfang bis zu 6 Seiten/12.000 Zeichen) oder die Gestaltung einer Lehrveranstaltungssitzung (im Umfang bis zu 45 Minuten) bzw. die unterstützte Gestaltung einer Lehrveranstaltungssitzung (im Umfang bis zu 90 Minuten).
Literatur:
Walter Haug: Gotteserfahrung und Du-Begegnung. Korrespondenzen in der Geschichte der Mystik und der Liebeslyrik. In: Geistliches in weltlicher und Weltliches in geistlicher Literatur des Mittelalters. Hg. von Christoph Huber, Burghart Wachinger und Hans-Joachim Ziegeler. Tübingen 2000, S. 195-212;
Andreas Kraß: Höfische Epik. Eine Einführung. Berlin 2025, S. 71-140
27.04.2026 (Montag, 14-16 Uhr) | DOR 24, Raum 1.101 | 2 SWS, 2 LP | Julia Benner
Veranstaltungstext der Ringvorlesung:
In dieser Ringvorlesung sprechen unterschiedliche Forschende über Literatur, die (auch) an junge Lesende gerichtet ist und/oder sich mit Adoleszenz auseinandersetzt. Die Bandbreite der besprochenen Beispiele erstreckt sich von „Die Leiden des jungen Werthers“ über Adaptionen von „Die Schöne und das Biest“ bis hin zu cinematografischen Werken zum Thema Teenager-Schwangerschaften. Der Fokus liegt auf den Themenkomplexen Liebe – Leid – Leidenschaft. Die Vorlesenden setzen sich u. a. damit auseinander, wie Liebe und Sexualität in den Texten inszeniert werden und wie soziale Positionierungen wie Gender und Age intersektional zusammenspielen. Im Rahmen der Ringvorlesung werden zudem verschiedene Begriffe wie Jugendliteratur, Young Adult Literature, Adoleszenzroman, Crossover Literature, Dark Romance und New Adult einer kritischen Betrachtung unterzogen. So wird der Frage nachgegangen, ob die betreffenden Bezeichnungen als analytische Begriffe oder ob sie vielmehr als Marketing-Label zu verstehen sind. Es tragen Ute Dettmar, Anna Stemmann, Katja Kauer, Dariya Manova und Fakultätsangehörige vor.
Am 27.04.2026 hält Andreas Kraß seinen Vortrag: „Laß das Büchlein deinen Freund seyn“: Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werthers (1774) zwischen Adoleszenzroman und Dark Romance.
Hier geht es zum Programm der Ringvorlesung.
Master
Donnerstag, 14-16 Uhr | DOR 24, Raum 1.301 | 2 SWS, 4 LP | Andreas Kraß
Das Seminar führt in die literaturwissenschaftliche Methode des Queer Reading ein und wendet sie auf die Erzählungen Thomas Manns an. Im Mittelpunkt stehen die großen Novellen Tonio Kröger (1903), Tristan (1903), Wälsungenblut (1906/21), Der Tod in Venedig (1911), Mario und der Zauberer (1930), Die vertauschten Köpfe (1940) und Die Betrogene (1953), aber auch kürzere Erzählungen wie Der kleine Herr Friedemann (1897) und Der Kleiderschrank (1899) werden besprochen. Es geht weniger um die Frage, wie sich das homosexuelle Begehren des Autors in seinem Werk spiegelt, als vielmehr um die Frage, inwiefern sich seine Erzählungen als queere, d.h. als heteronormativitätskritische Literatur verstehen lassen.
Zu erwartende Arbeitsleistung: Erstellung eines Dossiers und eines Protokolls
Literatur:
Thomas Mann: Frühe Erzählungen. 1893-1912. In der Fassung der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe. Frankfurt am Main 2008 (Fischer tb 90405).
Thomas Mann: Späte Erzählungen. 1919-1953. In der Fassung der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe. Frankfurt am Main 2025 (Fischer tb 90406).
Wintersemester 2025/26
Master
Donnerstag, 14-16 Uhr | DOR 24, Raum 1.201 | 2 SWS, 4 LP | Andreas Kraß
Das Seminar nähert sich der mittelalterlichen Novelle Gregorius (um 1190) von Hartmann von Aue und Thomas Manns darauf basierendem Roman Der Erwählte (1951) aus der Perspektive der literaturwissenschaftlichen Gender Studies und Queer Studies. In beiden Fällen geht es um einen doppelten Inzest, den zunächst Bruder und Schwester und dann Mutter und Sohn miteinander begehen. Während der Inzest für die mittelalterliche Adelsgesellschaft, die in der Regel innerhalb ihres eigenen Standes heiratete, durchaus ein Problem darstellte, war dies für die deutsche Nachkriegsgesellschaft nicht der Fall. Warum also interessierte sich Thomas Mann für diese Form der sexuellen Grenzüberschreitung? Diesen Fragen geht das SE nach, indem es die „sexuelle Poetik“ (Ina Hartwig) der beiden Werke untersucht. Außerdem werden wir uns mit der Illustrationsgeschichte des Gregorius und des Erwählten befassen.
Erwartete Arbeitsleistung: Erstellung eines Dossiers und eines Protokolls.
Literatur: Hartmann von Aue: Gregorius. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Friedrich Neumann neu hg., übersetzt und kommentiert von Waltraud Fritsch-Rößler. Stuttgart 2011 (Reclams Universal-Bibliothek 18764).
– Thomas Mann: Der Erwählte. In der Fassung der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe. Frankfurt am Main 2025 (Fischer-Taschenbuch).
Mittwoch, 16-18 Uhr | DOR 24, Raum 1.201 | 2 SWS, 4 LP | Andreas Kraß
Das SE rekonstruiert die Forschungsgeschichte des Queer Reading. Behandelt werden die ersten Versuche im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik, einen homosexuellen Literaturkanon und eine homosexuelle Literaturgeschichte zu entwerfen, die ersten literaturwissenschaftlichen Theoriebildungen der Gay and Lesbian Studies seit den 1960er Jahren und die weitere Ausarbeitung heteronormativitätskritischer Lektüremethoden seit den 1990er Jahren im Rahmen der Queer Studies. Wir lesen ausgewählte Theorietexte und wenden sie auf Werke der deutschen Literaturgeschichte an, die im Zeitalter des Paragrafen 175 entstanden, also zwischen 1872 und 1994.
Erwartete Arbeitleistung: Erstellung eines Dossiers und eines Protokolls
Literatur: Queer Reading in den Philologien. Hg. von Anna Babka und Susann Hochreiter. Wien, Vienna University Press, 2008. – Ján Demčišák: Eine Zwischenrevision des Queer Reading. In: World Literature Studies 4/9 2017, S. 35-52. – Will Stockton: An Introduction to Queer Literary Studies. Reading Queerly. London/New York/, Routledge 2022.
Links
Website „Queer Reading – eine Methodologie“
Sommersemester 2024
Bachelor
Mittwoch, 16-18 Uhr | DOR 24, Raum 1.103 | 2 SWS, 3 LP | Janin Afken, Liesa Hellmann
Queer Reading bezeichnet nicht eine einzige, klar definierte Methode, sondern ein Spektrum an heteronormativitätskritischen literaturwissenschaftlichen Ansätzen, Texte zu lesen und zu analysieren. Beim Queer Reading geht es weder um das Aufdecken der Homosexualität von Figuren und/oder Autor:innen noch um das Erkennen einer angeblich ‚wahren‘ Textbedeutung. Queer Reading ist mit der Methode des Close Readings vergleichbar, legt aber den Fokus auf nicht-heteronormative narrative Strukturen, Handlungsebenen, Motive und Figuren. Daraus ergeben sich übergeordnete Fragestellungen, die im Seminarverlauf diskutiert werden sollen, etwa: Kann jeder Text queer gelesen werden? Was sind textuelle Ansatzpunkte für ein Queer Reading? Welche Erkenntnisse können mit einem Queer Reading gewonnen werden? Ziel des Seminars ist, verschiedene Ansätze des Queer Reading kennenzulernen, in die germanistische Fachgeschichte einzuordnen und exemplarisch anzuwenden. Daneben wollen wir neuere Ansätze in den Blick nehmen, die Erkenntnisse der Intersektionalitätsforschung mit Queer Reading verbinden. Anhand sowohl kanonisierter als auch weniger bekannter Texte verschiedener Epochen und Gattungen etwa von Friedrich Schiller, Ingeborg Bachmann, Wolfgang Koeppen, Verena Stefan und Guy St. Louis werden die Potenziale und Grenzen der verschiedenen Ansätze diskutiert.
Literatur: Donald E. Hall: Queer Theories. Basingstoke 2003; Andreas Kraß: Queer lesen. Literaturgeschichte und Queer Theory. In: Gender Studies. Wissenschaftstheorien und Gesellschaftskritik. Hrsg. von Caroline Rosenthal, Therese Frey Steffen, Anke Väth. Würzburg 2004. S. 233–248.
Mittwoch, 16-18 Uhr | DOR 24, Raum 3.018 | 2 SWS | Paola Rigi-Luperti, Henri Schellberg
Was macht eine Handlung, ein Kunstwerk, ein Organ, ein Verbrechen, ein Kompliment zu: Sex, einem Porno, einem Geschlechtsorgan, einem Sexualdelikt, einem Flirtversuch? Dank (queer-)feministischer Interventionen sind Themen der Sexualität in den letzten Jahrzehnten zunehmend ins Zentrum politischer Aufmerksamkeit gerückt. Was in den Debatten um sexuelle Unterdrückung, Identität, Befreiung usw. aber eher selten explizit in den Blick genommen wird, ist die Frage nach dem Wesen der Sexualität selbst. In diesem Projekttutorium wollen wir gemeinsam theoretische und literarische Definitionen, Verarbeitungen und Visionen des Sexuellen diskutieren, um keine Schulanatomie mehr hervorkramen zu müssen, wenn uns das nächste Mal ein Kind fragt: „Was ist eigentlich Sex?“
Die Seminarsprache ist Deutsch, für die Lektüren sind außerdem gute Englischkenntnisse notwendig.
Master
Mittwoch, 14-16 Uhr | DOR 24, Raum 1.103 | 2 SWS, 4 LP | Andreas Kraß
Im Jahr 1979 veröffentlichte der Publizist Joachim S. Hohmann eine Auswahl „homosexueller Belletristik“ der Jahre 1924 bis 1970. Die heute nur noch antiquarisch erhältliche Anthologie versammelt Erzählungen deutscher Schriftsteller, die in homosexuellen Zeitschriften wie Der Eigene und Der Kreis erschienen. Die Texte wurden unter den Bedingungen des Paragrafen 175 verfasst und veröffentlicht, der homosexuelle Männer der Strafverfolgung aussetzte. Er wurde 1872 ins Preußische Staatsgesetzbuch eingeführt, 1935 von den Nationalsozialisten verschärft, 1949 von der Bundesrepublik Deutschland unverändert übernommen, 1969 gelockert und erst 1994 vollständig abgeschafft. Das SE wirft einen doppelten Blick auf Hohmanns Anthologie: zum einen untersucht es deren literaturgeschichtlichen Standort und gesellschaftspolitisches Anliegen, zum anderen fragt es danach, wie man die in der Anthologie versammelten Erzählungen aus heutiger Perspektive lesen kann (Queer Reading).
Erwartete Arbeitsleistung: Erstellung eines Dossiers und eines Protokolls.
Literatur: Joachim S. Hohmann: Der heimliche Sexus. Homosexuelle Belletristik in Deutschland von 1900 bis heute. Frankfurt am Main 1979; Digitalisate der Zeitschriften: Der Eigene; Der Kreis
Mittwoch, 18-20 Uhr | DOR 24, Raum 1.103 | Andreas Kraß
Das Kolloquium befasst sich mit Theorien, Methoden und Projekten des Queer Reading. Es handelt sich um ein Forschungskolloquium, das im Rahmen des Drittmittelprojekts „Queer Reading – eine Methodologie. Deutsche Literatur im Zeitalter des Paragrafen 175 (1872-1994)“ durchgeführt wird, aber auch für interessierte Studierende offensteht. Anmeldung per E-Mail erbeten (andreas.krass@hu-berlin.de).