Sacher-Masoch, Marfa von: "Würde zu geben den Verschmähten..." (1917)

Stammdaten

Autor*in

Marfa von Sacher-Masoch (vrh. Saternus)

Vollständiger Titel

„Würde zu geben den Verschmähten…“

Pseudonym

M. Coray

Ersterscheinungsjahr

1917 (dritte und vierte Auflage im Jahr 1925)

Epoche

Deutsches Kaiserreich

Fassung §175

1872-1935

Gattung

Roman

Biografisches

Abb 1. Deckblatt der Erstausgabe des Romans von 1917.

Marfa von Sacher-Masoch (geboren am 8. Juni 1887 in Paris, gestorben am 7. Februar 1963 in Freiburg, verheiratete Saternus, Pseudonym M. Coray) war Tochter des Schriftstellers Leopold von Sacher-Masoch (1836-1895) und seiner zweiten Ehefrau Hulda Meister (1846-1918). Den Großteil ihrer Jugend verbrachte sie in einem Landhaus in Lindheim (Hessen), einige Jahre auch in München. Ihre erste, im Jahr 1904 veröffentlichte Novelle Die Grottenfee verfasste sie im Alter von dreizehn Jahren. Ihr Werk umfasst über vierzig Romane sowie etliche Feuilletonartikel und kleinere Arbeiten. 1913 lernte sie während ihrer Arbeit in der Presseagentur Dammert in Berlin den Journalisten Arthur Saternus kennen, den sie 1919 heiratete. Von 1934 bis 1948 lebte das Paar mit der gemeinsamen Tochter Mechthild (1920-2015) in Ungarn. Marfa von Sacher-Masochs Buchverkäufe sicherten der Familie zeitweise die finanzielle Existenz. Nach 1948 lebte das Paar in München, Köln und Freiburg im Breisgau, wo Marfa von Sacher-Masoch/Saternus 1963 starb.

Im Gegensatz zu ihrem berühmten Vater, auf dessen Namen der Terminus ‚Masochismus‘ zurückgeht, ist Marfa von Sacher-Masoch heute weitestgehend in Vergessenheit geraten. Keiner ihrer Romane wurde nach ihrem Tod neu aufgelegt. Erst 2022 erschien eine Edition ihrer bislang unveröffentlichten Kindheitserinnerungen Die drei Kinder im Herrengarten, die auch einen von ihrer Tochter Mechthild Saternus verfassten biografischen Bericht enthält.

„Dein Hund wird bei der nächsten Neugeburt Staatsanwalt – nein, und was der für eine Wut auf den § 175 haben wird! Eine Wut, sage ich Dir!“

(Sacher-Masoch, 1917, S. 302)

Inhalt

Zufällig lernen sich der junge Opernsänger León Withalm und die wenige Jahre ältere Ärztin Dr. Barbara Rabitow kennen und empfinden bald Sympathie füreinander. Barbara ist willensstark, unabhängig und geht ganz in ihrem Beruf auf. Sie genießt auch unter den männlichen Berufskollegen hohes Ansehen. León ist ein sensibler Künstler, der am Beginn einer vielversprechenden Opernkarriere als Baritonsänger steht. Beide verkehren in den gehobenen Kreisen einer ungenannten deutschen Stadt; neben privaten Besuchen trifft man sich in der Oper, bei Ateliersempfängen und auf Maskenbällen.

Als sich Gerüchte über Leóns Homosexualität verbreiten, wird dieser zunehmend sozial isoliert. Bald ist Barbara die einzige Person, die noch uneingeschränkt zu ihm steht – auch als León ihr offenbart, dass er tatsächlich „konträr“ (S. 179) empfindet. Verschärft wird Leóns Ächtung, als er einen alten Bekannten bei sich aufnimmt: Viktor Soyka, der fünf Jahre wegen Verstößen gegen den § 175 im Zuchthaus verbüßen musste. Viktor ist verzweifelt und sieht für sich keine Zukunft. Auch die enge Freundschaft zu León und Barbara kann ihn letztlich nicht davon abhalten, sich das Leben zu nehmen. 

Leóns und Barbaras Verhältnis intensiviert sich weiter. Nachdem Barbara in einer Laienaufführung der Nibelungen die Rolle des Dietrich von Bern übernimmt und sich León zuhause in ihrem Männerkostüm zeigt, drängt er ihr einen Kuss auf, wogegen sie sich jedoch wehrt. Beschämt flüchtet León nach Hause. Als er gerade im Begriff ist, sich mit einer Pistole zu erschießen, steht Barbara vor der Tür. Im folgenden Gespräch versöhnen sich die beiden nicht nur, sondern sie verloben sich. León gesteht ihr seine Liebe und hofft, durch Barbara seine Homosexualität zu überwinden: „[W]enn Du dich mir frei hingibst, dann weicht aller böser Zauber von mir, du wirst ihn vertreiben!“ (S. 381). Barbara wiederum ist bereit, für León ihre Autonomie aufzugeben und ihre sexuelle Aversion zu überwinden. Die Verlobung sorgt im Bekanntenkreis für Irritation, rehabilitiert aber Leóns geschädigten Ruf. Bis zur Hochzeit ist das Paar verunsichert, ob der Plan aufgehen kann; in der Hochzeitsnacht „weck[t]“ (S. 413) León dann tatsächlich Barbaras sexuelles Begehren und glaubt sich selbst „frei“ (ebd.) von seiner Homosexualität.

Themen

  • Scharfe Kritik am § 175
  • Mechanismen sozialer Ausgrenzung
  • Verarbeitung sexualwissenschaftlicher, psychoanalytischer und feministischer Diskurse
  • Beziehung zwischen femininem Mann und maskuliner Frau / ‚Erlösung‘ des homosexuellen Mannes
  • Verbindung von Ehe und Freundschaft

Abb 2. Werbeanzeige des Dr. Sally Rabinowitz Verlag für „Würde zu geben den Verschmähten…“. In: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, Ausgabe vom 12.09.1917. Digitalisat der SLUB Dresden. [Link zum Digitalisat]

Motive

Zitiert wird die Erstausgabe von 1917.

Ansatzpunkte für die Lektüre

Der Titel des Romans ist Programm. Er entstammt dem Goethe-Zitat: „Es ist keine Kunst, eine Göttin zur Hexe, eine Jungfrau zur Hure zu machen: aber zur umgekehrten Operation – Würde zu geben den Verschmähten, wünschenswert zu machen das Verworfene – dazu gehört entweder Kunst oder Charakter“ (S. 109). Als dieser Aphorismus dem jungen Sänger León Withalm in die Hände fällt, macht er einen tiefen Eindruck auf ihn: „[U]nd immer hörte er die Worte: … ‚Würde zu geben den Verschmähten – wünschenswert zu machen das Verworfene…‘ Es war endlich wie ein leise flüsterndes Echo seines Herzschlages […]“ (S. 109).

 

Wie ein Echo zieht sich das Zitat fortan auch durch den Roman. Einer der Verschmähten, um die es da geht, heißt Viktor Soyka. Nach fünfjähriger Inhaftierung wegen dem § 175 wird der ehemalige Sänger von León aufgenommen. Viktor ist ein innerlich gebrochener Mann, der sich schließlich das Leben nimmt, jedoch bis zuletzt unbeirrt auf seiner Würde beharrt: „Was geht mein Sexus den Staat an? Gefährdet er ihn? Bedroht er ihn? […] [B]in ich deshalb unfähig, über ein Gesetz zu urteilen, über Steuern, über die Sozialistenfrage, […] weil meine Sinnlichkeit andere Wege geht als die von neunundneunzig vor mir? […] Sie ist kein mörderischer Instinkt, kein Wahn, keine Krankheit, sie ist nichts als meine Sinnlichkeit! Wir sind nicht krank, und wir sind nicht Verbrecher – wir sind nur Varietäten der Natur“ (S. 286).

Bibliografische Angaben

Erstausgabe

Marfa von Sacher-Masoch: „Würde zu geben den Verschmähten…“. Leipzig: Dr. Sally Rabinowitz Verlag, 1917.

Neudrucke

Die dritte und vierte Auflage erschienen 1925 in Leipzig beim Dr. Sally Rabinowitz Verlag.

Kritische Ausgabe

Keine.

Übersetzung

Keine.

Literaturrecherche

BDSL-online am 20.05.25, weitere Recherchen.

Das Literaturporträt wurde von Paola Rigi-Luperti, studentische Mitarbeiterin der Forschungsstelle Kulturgeschichte der Sexualität, erstellt.