Sacher-Masoch, Marfa von: "Würde zu geben den Verschmähten..." (1917)
Stammdaten
Autor*in
Marfa von Sacher-Masoch (vrh. Saternus)
Vollständiger Titel
„Würde zu geben den Verschmähten…“
Pseudonym
M. Coray
Ersterscheinungsjahr
1917 (dritte und vierte Auflage im Jahr 1925)
Epoche
Deutsches Kaiserreich
Fassung §175
1872-1935
Gattung
Roman
Biografisches
Abb 1. Deckblatt der Erstausgabe des Romans von 1917.
Marfa von Sacher-Masoch (geboren am 8. Juni 1887 in Paris, gestorben am 7. Februar 1963 in Freiburg, verheiratete Saternus, Pseudonym M. Coray) war Tochter des Schriftstellers Leopold von Sacher-Masoch (1836-1895) und seiner zweiten Ehefrau Hulda Meister (1846-1918). Den Großteil ihrer Jugend verbrachte sie in einem Landhaus in Lindheim (Hessen), einige Jahre auch in München. Ihre erste, im Jahr 1904 veröffentlichte Novelle Die Grottenfee verfasste sie im Alter von dreizehn Jahren. Ihr Werk umfasst über vierzig Romane sowie etliche Feuilletonartikel und kleinere Arbeiten. 1913 lernte sie während ihrer Arbeit in der Presseagentur Dammert in Berlin den Journalisten Arthur Saternus kennen, den sie 1919 heiratete. Von 1934 bis 1948 lebte das Paar mit der gemeinsamen Tochter Mechthild (1920-2015) in Ungarn. Marfa von Sacher-Masochs Buchverkäufe sicherten der Familie zeitweise die finanzielle Existenz. Nach 1948 lebte das Paar in München, Köln und Freiburg im Breisgau, wo Marfa von Sacher-Masoch/Saternus 1963 starb.
Im Gegensatz zu ihrem berühmten Vater, auf dessen Namen der Terminus ‚Masochismus‘ zurückgeht, ist Marfa von Sacher-Masoch heute weitestgehend in Vergessenheit geraten. Keiner ihrer Romane wurde nach ihrem Tod neu aufgelegt. Erst 2022 erschien eine Edition ihrer bislang unveröffentlichten Kindheitserinnerungen Die drei Kinder im Herrengarten, die auch einen von ihrer Tochter Mechthild Saternus verfassten biografischen Bericht enthält.
„Dein Hund wird bei der nächsten Neugeburt Staatsanwalt – nein, und was der für eine Wut auf den § 175 haben wird! Eine Wut, sage ich Dir!“
(Sacher-Masoch, 1917, S. 302)
Inhalt
Zufällig lernen sich der junge Opernsänger León Withalm und die wenige Jahre ältere Ärztin Dr. Barbara Rabitow kennen und empfinden bald Sympathie füreinander. Barbara ist willensstark, unabhängig und geht ganz in ihrem Beruf auf. Sie genießt auch unter den männlichen Berufskollegen hohes Ansehen. León ist ein sensibler Künstler, der am Beginn einer vielversprechenden Opernkarriere als Baritonsänger steht. Beide verkehren in den gehobenen Kreisen einer ungenannten deutschen Stadt; neben privaten Besuchen trifft man sich in der Oper, bei Ateliersempfängen und auf Maskenbällen.
Als sich Gerüchte über Leóns Homosexualität verbreiten, wird dieser zunehmend sozial isoliert. Bald ist Barbara die einzige Person, die noch uneingeschränkt zu ihm steht – auch als León ihr offenbart, dass er tatsächlich „konträr“ (S. 179) empfindet. Verschärft wird Leóns Ächtung, als er einen alten Bekannten bei sich aufnimmt: Viktor Soyka, der fünf Jahre wegen Verstößen gegen den § 175 im Zuchthaus verbüßen musste. Viktor ist verzweifelt und sieht für sich keine Zukunft. Auch die enge Freundschaft zu León und Barbara kann ihn letztlich nicht davon abhalten, sich das Leben zu nehmen.
Leóns und Barbaras Verhältnis intensiviert sich weiter. Nachdem Barbara in einer Laienaufführung der Nibelungen die Rolle des Dietrich von Bern übernimmt und sich León zuhause in ihrem Männerkostüm zeigt, drängt er ihr einen Kuss auf, wogegen sie sich jedoch wehrt. Beschämt flüchtet León nach Hause. Als er gerade im Begriff ist, sich mit einer Pistole zu erschießen, steht Barbara vor der Tür. Im folgenden Gespräch versöhnen sich die beiden nicht nur, sondern sie verloben sich. León gesteht ihr seine Liebe und hofft, durch Barbara seine Homosexualität zu überwinden: „[W]enn Du dich mir frei hingibst, dann weicht aller böser Zauber von mir, du wirst ihn vertreiben!“ (S. 381). Barbara wiederum ist bereit, für León ihre Autonomie aufzugeben und ihre sexuelle Aversion zu überwinden. Die Verlobung sorgt im Bekanntenkreis für Irritation, rehabilitiert aber Leóns geschädigten Ruf. Bis zur Hochzeit ist das Paar verunsichert, ob der Plan aufgehen kann; in der Hochzeitsnacht „weck[t]“ (S. 413) León dann tatsächlich Barbaras sexuelles Begehren und glaubt sich selbst „frei“ (ebd.) von seiner Homosexualität.
Themen
- Scharfe Kritik am § 175
- Mechanismen sozialer Ausgrenzung
- Verarbeitung sexualwissenschaftlicher, psychoanalytischer und feministischer Diskurse
- Beziehung zwischen femininem Mann und maskuliner Frau / ‚Erlösung‘ des homosexuellen Mannes
- Verbindung von Ehe und Freundschaft
Abb 2. Werbeanzeige des Dr. Sally Rabinowitz Verlag für „Würde zu geben den Verschmähten…“. In: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, Ausgabe vom 12.09.1917. Digitalisat der SLUB Dresden. [Link zum Digitalisat]
Motive
- „Aber können Sie fühlen, was das für ihn hieß? Oskar Wilde zu Zelle 33 werden? Vielleicht heben Sie die Achseln und sagen, wie kann ein solcher Mensch sich so verlieren, er weiß was darauf steht, warum tut er es? Aber da sage ich von Gottes- und Menschengesetz wegen: kann ein Gefühl bestraft werden?“ (S. 254)
- „‚Er war ja zuletzt mein Schüler,‘ wandte sich Soyka an Dr. Rabitow, ‚allerdings nur kurze Zeit, dann wurde ich als antisoziales Individuum eingesteckt!‘“ (S. 267)
„Was geht mein Sexus den Staat an? Gefährdet er ihn? Bedroht er ihn? […] [B]in ich deshalb unfähig, über ein Gesetz zu urteilen, über Steuern, über die Sozialistenfrage, […] weil meine Sinnlichkeit andere Wege geht als die von neunundneunzig vor mir? […] Sie ist kein mörderischer Instinkt, kein Wahn, keine Krankheit, sie ist nichts als meine Sinnlichkeit! Wir sind nicht krank, und wir sind nicht Verbrecher – wir sind nur Varietäten der Natur.“ (S. 286)
„Und doch, ich bereue nichts, keine einzige meiner Handlungen, die mich zur Strafe führten. […] Selbst in der einsamen Not meiner Einzelhaft habe ich nie meinen Hang verflucht, meine unbesonnenen Taten angeklagt – ich bin so – ich konnte nicht anders!“ (S. 304)
„Aber in der Liebe ist alles nur Einbildung und Anziehung! Und wenn das unsere Gesetze wüßten, dann wäre Viktor Soyka heute nicht tot!“ (S. 327)
„Für mich ist das Gesetz nicht Gerechtigkeit. Was ist Menschenwerk? Ein Versuch! Wenn der Staat das wüßte! Aber der Staat weiß nichts, er ist eine öde zermalmende Maschine […]“ (S. 350)
- „Ueberall begegnete ihm anwachsendes Abwehren, eine mißtrauende, ewig forschende Neugierde, das peinigende Eindringen in jede Handlung. Es waren Tage voller Druck.“ (S. 140)
- „‚Homosexuell ist er,‘ sagte die Dänin grob heraus […] ‚Aber was soll das alles mir,‘ sagte sie [Barbara] endlich und sah Esther Lund mit ihren großen, eisigen Augen an, ‚dieser Vorwurf hat doch keinen Stachel für mich?‘ ‚Doch,‘ sagte die Dänin brüsk, ‚man wird denken, daß Sie die gleiche Richtung haben – als Frau – und in diesen Verdacht kommen wir leicht – wir Frauen der Wissenschaft!‘“ (S. 147)
„Wie kommt die ganze Welt dazu, mich zu hassen, weil meine Regung verquer geht?“ (S. 187)
„‚Erlauben Sie, gnädige Frau,‘ sagte Dr. Anger etwas scharf, ‚Zuchthäusler, das war er! Jetzt ist seine Schuld verbüßt.‘ […] Aber Fräulein Birk sagte bestimmt: ‚Eine solche Schuld verbüßt sich nicht, die bleibt – und wenn ihr auch vor dem Gesetz Genüge geschehen ist!‘“ (S. 259)
„Sie sind der einzige Mensch, der mich noch seiner Beachtung wert hält!“ (S. 260)
„[U]nd so stand ganz unvermittelt Lori Kurz vor ihnen, starrte sie aus großen, erschrockenen Augen an und floh besinnungslos zurück, wie gehetzt. ‚Ich fürchte, die Dame hat uns falsch verstanden,‘ sagte Viktor ironisch, ‚sie hält uns für Kannibalen […]‘“ (S. 289)
- „[D]ies Wehren in Withalm war eine Flucht vor sich selbst. Er fürchtete ein Reizen und Wecken seines Gefühles, er mied, was nur an Leidenschaft erinnern konnte“ (S. 274)
„‚Sie haben mich nicht vertrieben, gnädiges Fräulein,‘ sagte er mit rauhem, schwermütigem Tonfall, ‚ich wollte Sie nur nicht zwingen, dieselbe Luft mit mir zu atmen […]‘“ (S. 251)
„Vielleicht rührt es daher, weil ich mich nie aufhalte, nachzudenken, ob ich Mann oder Weib bin. Ich bin eben ich, eine Wesenseinheit, die Form ist Nebensache!“ (S. 207)
„‚Aber Dr. Rabitow ist auch keine ganze Dame, sondern ein halber Herr,‘ sagte Maja […]“ (S. 363)
„Und waren sie darin nicht gleich? Da war auch sie wie er, geschlechtslos oder hermaphroditisch […]“ (S. 362)
„Ich kann so zu Ihnen sprechen, denn Sie sind vor mir nicht Mann, ich bin nicht Weib, Menschen sind wir!“ (S. 354)
- „‚Dann, dann liebst Du mich und bist frei von dem alten Bann! León?‘ […] [D]a stürzte er sich vor ihr nieder, wie ein Verurteilter vor seinem Erlöser.“ (S. 377)
„Ich glaube, ich habe Dich gesucht mein ganzes Leben hindurch; unter den jungen Mädchen konnte ich Dich nicht finden, unter den Weibern auch nicht, da suchte ich Dich bei den Männern und war wieder falsch gegangen. Da kamst Du selbst!“ (S. 378)
„Sie wußte, daß vielen Männern die lustlose Passivität als der höchste Genuss erschien, an dem der eigene Drang sich ständig höher schwang. Aber Leóns versehrte Erotik mußte nicht weigernd, sondern lösend empfangen werden.“ (S. 397)
„‚Du starkes, heiliges Weib,‘ sagte er sich küssend zu ihr neigend, ‚ja, ich bin frei – und Du, wie bist Du wundervoll!‘“ (S. 413)
- „Übermütig faßte er sein Röckchen in die zierlich gespitzten Finger. ‚Bin ich nicht ein niedliches Mädchen?‘ rief er ausgelassen und tanzte einen graziösen pas seul, ‚oh, ich werde noch arge Verwüstungen in den Männerherzen anrichten!‘“ (S. 124)
- „Dann bei unserer Schülervorstellung des ‚Tell‘ spielte ich Bertha von Bruneck und sah nach übereinstimmender Aeußerung einfach reizend aus. Meine Conpennäler brüllten erst vor Lachen, dann riefen Kleid und Perücke bei Ihnen eine Art Begriffsverwirrung hervor. Sie begannen mich abzuknutschen […], ich wanderte von einem Arm in den anderen, es regnete Küsse […]“ (S. 232)
„‚Ich als Dietrich von Bern, bin ich nicht vollendet?‘ […] Während ihrer Erzählung sah León unverwandt das Bild an und begann endlich zu lachen. ‚O, Dr. Rabitow, warum haben Sie mir nichts gesagt? So muß ich Sie sehen. Ach bitte, bitte, ziehen Sie sich an!‘“ (S. 368)
„Meist ist der Uranismus eine familiäre Anomalie […]. Sie haben das Herz nicht rechts, wie man es bei Paraesthesie häufig findet […]“ (S. 223)
„Freud, der Psychoanalytiker, dem wir gerade auf sexuellem Gebiet die Zerstörung manches Aberglaubens verdanken, erklärt, daß wir von den biologischen Vorgängen, aus denen das Leben der Sexualität besteht, noch lange nicht genug wissen, um aus unseren vereinzelten Einsichten eine Theorie aufstellen zu können, die das Normale vom Krankhaften scharf scheidet. Die Grenzen werden immer fließend sein. Die Varietäten, die sexuellen Zwischenstufen […]“ (S. 225)
„[E]s gibt keine Seele! Sie ist nach Wundt keine besondere Substanz, sondern eine Sammlung seelischer Erlebnisse […]“ (S. 239)
„Nach der neuen Theorie Schöners soll das Ei schon männlich oder weiblich sein, aber ich neige zu der Theorie von Fließ und anderen, daß in jeder Zelle man das Vorhandensein weiblicher und männlicher Substanz erkennen kann […]“ (S. 239)
„Nun hat Magnus Hirschfeld das Wort aufgeworfen: das Geschlecht des Menschen ruht mehr in seiner Seele, im Gehirn als im Körper!“ (S. 240)
„Da muß ich Dir noch ein Wort von Hirschfeld sagen! Er erklärt den Fetischismus nur als Teilanziehung oder partielle Anziehung, als eine stark gesteigerte Regung jenes Triebes, von dem Krafft-Ebing sagte, daß […]“ (S. 381)
- „An die Mauer gelehnt, standen dort zwei Sängerinnen […]. ‚Da, die zwei da,‘ erwiderte Ulbrig, ‚sie machen es doch recht sinnfällig, ewig umschlungen und das Geküsse und das Einander-auf-dem-Schoß-sitzen!‘“ (S. 130)
„Barbara […] beantwortete es durch ihr Erscheinen in der Wohnung der Malerinnen. […] [Fräulein Kestner] zeigte nach einem Pastell Majas, die darüber schmollte, worauf sie mit herzlichem Lachen den blonden Kopf an ihre Brust zog und ihn küßte. Wie ein Schatten huschte an Barbara vorbei, was man über das Verhältnis der Malerinnen flüsterte.“ (S. 363)
„Barbaras Mund war heißgeküßt von ungezählten Lippen, ihr Nacken war warm von Frauenarmen.“ (S. 367)
„‚Und wozu sollte ich leben?‘ sagte er mit heiserer, gurgelnder Stimme. Da wurde sie stumm und senkte den Kopf.“ (S. 294)
„‚Was willst Du tun?‘ rief sie laut. […] ‚Das – das einzige, was mir zu tun bleibt!‘ Er nahm eine Pistole aus dem Kasten vor ihm und schleuderte sie ihr vor die Füße.“ (S. 376)
Zitiert wird die Erstausgabe von 1917.
Ansatzpunkte für die Lektüre
Der Titel des Romans ist Programm. Er entstammt dem Goethe-Zitat: „Es ist keine Kunst, eine Göttin zur Hexe, eine Jungfrau zur Hure zu machen: aber zur umgekehrten Operation – Würde zu geben den Verschmähten, wünschenswert zu machen das Verworfene – dazu gehört entweder Kunst oder Charakter“ (S. 109). Als dieser Aphorismus dem jungen Sänger León Withalm in die Hände fällt, macht er einen tiefen Eindruck auf ihn: „[U]nd immer hörte er die Worte: … ‚Würde zu geben den Verschmähten – wünschenswert zu machen das Verworfene…‘ Es war endlich wie ein leise flüsterndes Echo seines Herzschlages […]“ (S. 109).
Wie ein Echo zieht sich das Zitat fortan auch durch den Roman. Einer der Verschmähten, um die es da geht, heißt Viktor Soyka. Nach fünfjähriger Inhaftierung wegen dem § 175 wird der ehemalige Sänger von León aufgenommen. Viktor ist ein innerlich gebrochener Mann, der sich schließlich das Leben nimmt, jedoch bis zuletzt unbeirrt auf seiner Würde beharrt: „Was geht mein Sexus den Staat an? Gefährdet er ihn? Bedroht er ihn? […] [B]in ich deshalb unfähig, über ein Gesetz zu urteilen, über Steuern, über die Sozialistenfrage, […] weil meine Sinnlichkeit andere Wege geht als die von neunundneunzig vor mir? […] Sie ist kein mörderischer Instinkt, kein Wahn, keine Krankheit, sie ist nichts als meine Sinnlichkeit! Wir sind nicht krank, und wir sind nicht Verbrecher – wir sind nur Varietäten der Natur“ (S. 286).
Der gesamte Roman ist von queeren Figuren und Konstellationen durchzogen. Erzählt wird etwa von Oskar Jähnisch, der im Frauenkostüm von Maskenball zu Maskenball zieht, um dort „arge Verwüstung in den Männerherzen an[zu]richten“ (S. 124). Der Bildhauer Heinz Mylius führt nach außen hin eine bürgerliche Ehe, doch wird ihm „die Beziehung […] nur möglich, wenn er sich Männer vorstellt“ (S. 170). Die Malerin Fräulein Kestner lebt harmonisch mit „ihrer unzertrennlichen Gefährtin Maja von Belling“ (S. 87) zusammen, und die Dänin Esther Lund, die Frauenrechtler:innen wie Anita Augspurg und Ruth Bré zitiert, „war völlig zum Manne geworden […]“ (S. 123). Als die Protagonistin Barbara in der Theateraufführung eines Damenklub als Dietrich von Bern auftritt, ist ihr Mund bald „heißgeküßt von ungezählten Lippen, ihr Nacken war warm von Frauenarmen“ (S. 367).
Eine Besonderheit des Romans liegt darin, dass er sein Hauptthema – sexuelle und geschlechtliche ‚Varietäten‘ sowie Kritik an heteronormativer Moral – auf unterschiedlichen diskursiven Ebenen entfaltet. Während der ehemalige Häftling Viktor mit flammenden politischen Reden gegen den § 175 Stellung bezieht, bringt die Ärztin Dr. Barbara Rabitow zeitgenössische sexualwissenschaftliche Diskurse ein. Sie verweist auf zentrale Figuren wie Magnus Hirschfeld, Richard von Krafft-Ebing, Sigmund Freud, Wilhelm Fließ und Wilhelm Wundt und referiert ausführlich über Konzepte wie den „Uranismus“ (S. 223) oder die „sexuellen Zwischenstufen“ (S. 225). Barbara ist selbst geschlechtlich uneindeutig markiert: Ihre kompromisslose Hingabe zur Wissenschaft und ihr dominantes Auftreten führen dazu, dass sie von ihrer Umwelt als „Männin“ (S. 277) wahrgenommen wird. Im Verhältnis zu den queeren Figuren Viktor und León übernimmt sie eine freundschaftliche, aufklärerische und zugleich therapeutische Funktion.
Der Roman macht zudem auf differenzierte Weise auf gesellschaftliche Ausschlussmechanismen aufmerksam. Die soziale Isolation, in die León infolge des Gerüchts über seine angebliche Homosexualität gerät, speist sich aus einer weitverbreiteten Angst vor Abwertung durch Assoziation: Der Umgang mit dem ‚Perversen‘ gilt als rufschädigend, weshalb sich sein Umfeld zunehmend von ihm distanziert. Zugleich geraten im Kontakt mit queeren Figuren vermeintliche Identitätsgewissheiten rasch ins Wanken. So führen Oskar Jähnischs Auftritte als Frau im Publikum zu einer „völlige[n] Begriffsverwirrung“ (S. 122), und als die Gerüchte über León zu kursieren beginnen, stellt sein Kollege Ernst Höber schockiert fest, dass „[e]r, der Vollblutmann, […] mit dem bildhübschen, scheuen, empfindlichen Withalm manchmal umgegangen sei wie mit einem Mädchen“ (S. 171). Er schließt sich rasch dem Urteil seiner Frau an, als diese fordert: „[D]ieser Withalm kommt mir nicht mehr über die Schwelle […]. [M]it zweifelhaften Elementen will ich mich nicht beflecken!“ (S. 172)
Die Wertungen und Modelle des Romans in Bezug auf Geschlecht und Sexualität entziehen sich einer einfachen Einordnung. Zwar formuliert der Text ein deutliches Plädoyer gegen den § 175, doch finden sich auch abwertende Tendenzen, so zum Beispiel in Barbaras herablassender Bemerkung über den transweiblichen Oskar Jähnisch: „[J]etzt sind Sie ein ästhetisches Faultierchen geworden, ein Luxuspflänzchen, ein Hätschelchen!“ (S. 344). Auffällig ist zudem die wiederkehrende Unterscheidung zwischen Veranlagung und Handlung. So betont León bei seinem Outing gegenüber Barbara: „[I]ch gehöre absolut nicht zu den sogenannten homosexuellen Kreisen, ich habe mir in keiner Weise einen Vorwurf zu machen“ (S. 151), während Viktor eine gegenteilige Haltung einnimmt: „[I]ch bereue nichts, keine einzige meiner Handlungen […]“ (S. 304). Auch Barbara selbst erscheint ambivalent: Einerseits zeigt sie sich aufgeschlossen, andererseits verspürt sie unwillkürlich einen „schleichende[n] Ekel“ (S. 169) beim Gedanken an schwule Sexualität.
Im Zeichen solcher Ambivalenzen steht schließlich auch das Ende des Romans, das mit der relativ unerwarteten Verlobung zwischen León und Barbara eine weitere Wendung erfährt. Diese Verbindung wird als „Rückwandlung“ (S. 399) Leóns und als Heilung seiner „versehrte[n] Erotik“ (S. 397) inszeniert. Parallel dazu vollzieht sich Barbaras freiwillige Frauwerdung: „Ich will nicht Kamerad sein, sondern sein Weib […]“ (S. 411). Diese Entscheidung bleibt jedoch nicht unhinterfragt, sondern sie wird aus feministischer Perspektive explizit kritisiert: „Eine Frau, die Selbstachtung besitzt, kann eine gesetzliche Ehe nicht eingehen […]“ (S. 405). Gleichwohl handelt es sich bis zuletzt nicht um eine klassisch heteronormative Beziehung. Zum einen begehrt León ausdrücklich „nicht das Mädchen, sondern den Mann in Dir“ (S. 377); zum anderen betonen beide die Vorrangstellung der Freundschaft und einer über Geschlechtergrenzen hinausgehenden menschlichen Verbindung: „Ich müßte dich lieben, Mann oder Weib!“ (S. 288). Das Ende lässt sich somit einerseits als normalisierende Einhegung, andererseits auch als queere Umdeutung der Ehe als „frei gewollte Gemeinschaft zweier Menschen, einerlei welchen Geschlechts“ (S. 306) lesen.
Der Roman zeugt von einer bemerkenswert informierten und originellen Auseinandersetzung mit den heteronormativitätskritischen Diskursen seiner Zeit. Er verdient vertiefte Untersuchungen.
Bibliografische Angaben
Erstausgabe
Marfa von Sacher-Masoch: „Würde zu geben den Verschmähten…“. Leipzig: Dr. Sally Rabinowitz Verlag, 1917.
Neudrucke
Die dritte und vierte Auflage erschienen 1925 in Leipzig beim Dr. Sally Rabinowitz Verlag.
Kritische Ausgabe
Keine.
Übersetzung
Keine.
Literaturrecherche
BDSL-online am 20.05.25, weitere Recherchen.
Constanze Mudra: Marfa von Sacher-Masoch: „Würde zu geben den Verschmähten…“. Ein queerer Klassiker aus dem Jahre 1925. Blogeintrag auf der Webseite der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. vom 07.09.2021 [Link].
Biografisches zu Marfa von Sacher-Masoch findet sich in:
M. Coray: Die drei Kinder im Herrengarten. Edition eines Romans von Marfa von Sacher-Masoch (vrh. Saternus). Hrsg. v. Marion Kobelt-Groch unter Mitwirkung von Astrid Schlachta. Kiel: Solivagus-Verlag, 2022.
Das Literaturporträt wurde von Paola Rigi-Luperti, studentische Mitarbeiterin der Forschungsstelle Kulturgeschichte der Sexualität, erstellt.